Unser Autor Dr. Johannes G. Mayer starb am 27. März 2019 – ein Nachruf von Dr. Konrad Goehl 11. April 2019 – veröffentlicht unter: Allgemein

Unser Autor Dr. Konrad Goehl verfaßte einen bewegenden Nachruf:

Ich bin über 80, doch er mußte mit 65 gehen. Wir hatten uns zuletzt in verschiedene Richtungen entwickelt, doch heute ist mir klar, wie eng unsere Freundschaft immer geblieben war.

Ich kannte ihn, der ich 1976 mit dem Würzburger Institut für Geschichte der Medizin in Kontakt gekommen war, in gewisser Weise von Anfang an; als ich im September 1996 dort endlich meine ungeteilte Tätigkeit einbringen konnte, spannte uns Gundolf Keil sofort zusammen. Wir haben unendlich viele Stunden gemeinsam verbracht, 1998 kam Johannes bei einem Spaziergang in den Weinbergen am Ende des Oberen Neubergwegs auf die Idee, eine gemeinsame Festschrift zum 65. Geburtstag Gundolf Keils auf die Beine zu stellen, die allein Beiträge von uns enthalten sollte: daraus wurde die ‚Festgabe‘ – die freilich erst im Jahr 2000 ans Licht kam: im Hinblick auf die Umstände, die sonst die Institutspublikationen begleiten, trotzdem eine unglaublich kurze Zeit: wir hatten kaum Vorräte in der Schublade, und beinahe alles mußte erst geschrieben werden.

Nach diesem Erfolgserlebnis machte Johannes mich mit dem ‚Macer floridus‘ bekannt: daraus wurden die ‚Höhepunkte der Klostermedizin‘, später in ‚Kräuterbuch‘ umgetauft. So kam eines zum anderen, kleine und größere „Sachen“. Meine sämtlichen Übersetzungen habe ich ihm in Würzburg vorgelesen, auch bei meiner Serapion-Transkription, die bei der Forschergruppe „ruht“, hatte er Anteil: er organisierte die Handschrift und kontrollierte meine Arbeit. Die meisten meiner Projekte, z.B. das ‚Weinbuch‘, kamen von ihm, allein das ‚Circa instans‘ kannte ich schon durch Gundolf Keil. Eine besonders schöne Zeit war die Arbeit am ’Aderlaßmann aus Michelstadt‘. Auch der bis heute ungedruckte, da allzu umfangreiche Platearius (‚Curae breves‘, Nosologie) entstand mit seiner Teilnahme vor seinen Augen.

Es gab auch großartige gemeinsame Reisen: 1998 eine unvergeßliche Januarwoche in Cambridge, wo ich jeden Morgen, bevor wir uns trafen, eine Stunde durch das historische Zentrum wanderte; es stellte sich heraus, daß er viel besser Englisch sprach als ich. Im Februar 2005 verbrachten wir ganz wunderbare Tage in Arezzo, wohin ich zur Feier des Guido d’Arezzo (‚Liber mitis‘) eingeladen war. Von den unendlich vielen Ausflügen, bei denen er mir die Umgebung Würzburgs zeigte (Dettelbach!), von unseren gemeinsamen Gasthaus- und Pizzamahlzeiten, von den unglaublich guten Frühstückssemmeln, die er mir jede Woche, wenn ich eintraf, bereitete, will ich nicht weiter reden. Unsere letzten gemeinsamen Erlebnisse hatten wir in Neuburg an der Donau, wo er die große Vitus-Auslasser-Ausstellung veranstaltete und selbst die vielen Bilder aufhängte, in Leipzig, wo wir bei der Buchmesse 2007 unseren damaligen Verleger Volker Hennig trafen, der gleichfalls von Johannes „aufgetan“ worden war, und in Ostrava (Mährisch Ostrau), Dezember 2011, wohin mich Lenka Vankova gerufen hatte.

Jetzt erst, da er so völlig unerwartet vorangegangen ist und mich allein zurückgelassen hat, wird mir bewußt, was für ein guter Freund er war. Unsere Wege, wie gesagt, hatten uns am Ende auseinandergeführt; ich war ihm, der sich zunehmend am Praktischen zu orientieren schien und immer weniger Zeit hatte, in gewisser Weise untreu geworden und hatte mich der Zusammenarbeit mit Jorit Wintjes und schließlich der Klassischen Philologie und Udo Scholz mit seinen Persius-Scholien zugewandt. Aber ich war mir immer klar darüber, daß wir im tiefsten Grund einmütig waren, concordes dissentientes.

Abschied ist nur erträglich, wenn man sich vorstellen kann, daß es ein Wiedersehen gibt. Er war sich dessen sicher.

(Abb.: Johannes G. Mayer im Kloster Bronnbach, August 2014, Urheber: HexaChord – CC BY-SA 3.0)

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