Fachprosaforschung - Grenzüberschreitungen 1 (2005)

Keil, Gundolf

Baden-Baden: Deutscher Wissenschafts-Verlag (DWV) 1. Auflage, 2007
Broschur, 314 Seiten, 150 x 210 mm

39.90 €* (69,90 SFr)
ISBN: 1863-6780

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Die deutsche Fachliteratur des Mittelalters ist aus den modernen Darstellungen zur Literatur- und Wissenschaftsgeschichte nicht mehr wegzudenken; zahlreiche kulturgeschichtliche Disziplinen benutzen ihre Texte als Basis. Als Fachprosa der Freien und Eigenkünste umfaßt sie das Schrifttum von Medizin, Pharmazie, Alchemie, Mathematik, Astronomie und greift über den Bergbau, die Handwerke und das Kriegswesen bis zur Wald- und Landwirtschaft, zur Seefahrt, zum Handel und zu den Verbotenen Künsten aus. Die Fachprosaforscher kommen – wie nicht anders zu erwarten – aus heterogenen Disziplinen und arbeiten als Ärzte, Apotheker, Natur-, Kultur-, Gesellschafts- und Geisteswissenschaftler mit unterschiedlicher Methodik auf unterschiedlichen Gebieten des weiten Literaturkomplexes; entsprechend weit gestreut sind ihre disparat erscheinenden Veröffentlichungen. Insofern war es angezeigt, jenen Weg weiter zu beschreiten, den Sudhoff 1908 mit Sudhoffs Archiv erstmals gewiesen hatte und der – von Gerhard Eis gebahnt – zu einer eignen Zeitschrift führen sollte: Die Fachprosaforschung bietet sämtlichen Disziplinen, die sich mit altdeutschen Fachprosatexten befassen, das geeignete Forum; grenzüberschreitend greift sie von der Sozial- bis zur Militärgeschichte aus; grenzüberschreitend verfolgt sie die Wirkungsgeschichte über die Epochenschwelle bis in die Neuzeit, und grenzübergreifend geht sie jenen Entwicklungen nach, die bereits vor der antik-mittelalterlichen Epochengrenze einsetzen. Entsprechend übergreifend angesiedelt ist sie methodisch in Grenzgebieten zwischen einzelnen Disziplinen.

Diese Interdisziplinarität und entsprechende methodische Vielfalt zeigt sich bereits im ersten Band der Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen: R. Vollmuth gewichtet Originalität und Wirkungsstärke als Kriterien historischer Wertigkeit, wobei er paradigmatisch das Werk Walther Hermann Ryffs († 1548) als Grundlage nimmt; R. Platzek hat die Decem quaestiones de medicorum statu auf die Zeitlosigkeit ärztlicher Ethik des Spätmittelalters hin befragt; H. M. Wellmer und G. Keil edieren das Würzburger chirurgische Rezeptar des ausgehenden Mittelalters und führen die umfangreiche Formelsammlung auf Quellen des 5. bis 15. Jhs. zurück; mit dem Wässerbüchlein Gabriels von Lebenstein (vor 1400; Mährisch Schlesien) befaßt sich G. Keil, wobei er der Colchicin-Therapie nachgeht und beim Lokalisieren die Oberschlesischen Roger-Aphorismen heranzieht, die als chirurgisches Repetitorium gedeutet und anschließend gemeinsam mit Hilde-Marie Groß ediert werden; dabei scheint im textkritischen Apparat erstmals auch ein Leitfaden für die Notversorgung Verwundeter im Felde auf, und zwar unter dem Titel Wiltu den siechen wol bewarn. Mit Jörg Völlnagel und dessen Splendor-solis-Edition setzt sich J. Telle auseinander, der die Bilanz der Forschung zum alchemischen Text/Bild-Traktat des 15. Jhs. kritisch zusammenfaßt. Die Veienter des Naevius (um 270-190) analysiert F. P. Moog unter dem Aspekt der fabula praetexta und befragt sie im Hinblick auf die Leberschau im etruskischen Opferritual, wobei Plutarch und Livius die inhaltliche Rekonstruktion des verlorenen Stückes erlauben. Den Oberarzt an der Danziger Staatlichen Frauenklinik Boris Belonoschkin stellt F. Mildenberger vor, der den in der Mandschurei aufgewachsenen Russen (1906-88) auf dessen Lebensweg über Würzburg, Posen und Kopenhagen bis Stockholm verfolgt und dabei die Cervix-Orgasmus-Studie des stets deutsch publizierenden Fertilitätsforschers in den Vordergrund stellt. H. Milde, Zahnarzt und Fazialchirurg, berichtet über ein humanitäres Projekt im Osten Äthiopiens, das er leitete und von dem aus es ihm gelingt, die gegenwärtige Situation des Landes auf die Folie des alten Abessinien zu projizieren und die Dynamik religiöser, ethnischer sowie gesellschaftlicher Prozesse aufzuzeigen – bis hin zu deren umweltzerstörerischen Konsequenzen. A. W. Bauer warnt die Medizinhistoriker davor, sich in ihrer Forschungsthematik vom Handlungsbedarf aktueller Jubiläen leiten zu lassen. Ein Brief des Fachprosaforschers Francis B. Brévart fügt sich an; zum Schluß gibt Ch. Weißer als Hauptschriftleiter eine Vorschau auf die folgenden Bände der Fachprosaforschung und fächert das Themenspektrum vom Pest-Aderlaß über die Syphilis-Symptomatik bis zur Trepanation bei den Kelten auf.

Fachprosa, Medizingeschichte, Mediävistik, Ältere Germanistik, Zeitschrift, Fachprosaforschung